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Mühlen auf Wanderschaft

Die marode Neonreklame der Musikalienhandlung Bading an der Karl-Marx Straße erinnert an einen unermesslichen Verlust. Durch Feuerwerkskörper wurde das mit viel Liebe geführte traditionsreiche Musikhaus Silvester 2017 im Innern völlig zerstört. Mit Musik hatten die Badings zu Beginn nichts zu tun; als Windmüller gelangte Joachim Friedrich Bading 1743 nach Rixdorf. Er kaufte dort die Deutsche Mühle, die er bisher in Pacht hatte, und das zugehörige Müllerhäuschen am Richardplatz. 1771 übernahm Bading auch die Böhmische Mühle, die er abbauen und neben seiner deutsche Mühle aufstellen ließ. Seit Ende des 19. Jahrhunderts dreht sich die Böhmische Mühle in Jüterbog.

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Pilz mit Stil

Bis heute kann man Bier am Pilz auf dem Richardplatz kaufen. Das kleine Jugendstilgebäude, die sogenannte „Trinkhalle“, gehört mit den Toilettenhäuschen am Maybachufer und der Elbestraße zu den kleinsten Gebäuden, die der Architekt und Neuköllner Baurat Reinhold Kiehl im Jahre 1910 entworfen hat. Weitaus gravitätischer prägen heute sein Stadtbad, das Rathaus Neukölln oder die Galerie im Körnerpark den Bezirk. Einem Pilz sehr viel ähnlicher war der kleine Kiosk, als sein Dach zwischenzeitlich rot und mit weißen Punkten bemalt war.

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Ritter des guten Geschmacks

Für die beste Blutwurst Europas erhielt Metzgermeister Marcus Benser, der Inhaber der Blutwurstmanufaktur am Karl-Marx-Platz, im Jahre 2004 den Ritterschlag und darf sich seitdem „Ritter der Blutwurst“ nennen. Diesen Ehrentitel darf tragen, wer sich um die Blutwurst verdient gemacht hat, von einem Mitglied der Bruderschaft vorgeschlagen wurde, mindestens ein mal pro Woche Blutwurst ißt und den Eid auf Grill und Gabel geleistet hat. Verliehen wird der Titel von der „Confrérie des Chevaliers du Goûte Boudin“, der „Bruderschaft zur Förderung des Ansehens der Blutwurst“ in der Normandie, die sich zum Ziel gesetzt hat Ruf und Qualität der Blutwurst in Frankreich und der restlichen Welt zu verteidigen. Bensers Blutwurstmanufaktur erfreut sich über Neukölln hinaus großer Beliebtheit.

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Fünfhundert Kilometer nach Rixdorf

Zum 250. Jahrestag der Ankunft der Böhmen in Rixdorf gab die Post 1987 eine Sonderbriefmarke heraus. Motiv ist das Relief am Denkmal für König Friedrich Wilhelm I. Es zeigt die Böhmen auf ihrer Flucht nach Rixdorf. Nachkommen eben dieser Böhmen hatten dem Künstler für die Tafel Modell gestanden. In der Mitte des Reliefs ist Jiri Motel zu sehen, der wegen Besitzes einer verbotenen Kralitzer Bibel ins Gefängnis geworfen wurde, aber fliehen konnte. Bis heute ist die Kralitzer Bibel die einzige ins Tschechische übersetzte Bibel. Unter katholischer Herrschaft war der Besitz und Vertrieb einer solchen Bibel verboten. Jiri Motel flüchtete auf einem 14 tägigen Fussmarsch ohne Unterbrechung von Horní Čermnà nach Rixdorf.