24

24

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade

Der größte Schatz der Kathedrale von Compostela, das Grab des heiligen Jakobus und seiner beiden Jünger, liegt in der Krypta unter dem Hochaltar. Daneben gibt es im Chorumgang eine Reihe anderer Kapellen, von denen einige der Jungfrau Maria gewidmet sind. Das ist nur natürlich, denn sie ist nicht nur Jesu Mutter, sondern gilt als die Fürsprecherin aller Menschen und wird ganz besonders in Spanien aufs höchste verehrt. Ohne ihre Ermutigung, glaubt man der Legende, hätte Jakobus angesichts seiner Erfolglosigkeit bei der Missionierung in Spanien vielleicht aufgegeben.
Und so baute man ihr die Kapelle Santa Maria la Blanca dicht an den Hauptaltar, fast daneben die Kapelle Santa Fe mit der Statue der „Mutter vom guten Rat“ und die Kapelle der „Jungfrau von der Säule“, die an den Moment erinnert, als sie dem mutlosen Apostel in Saragossa erschienen war. Auch die Azucena- oder Petruskapelle liegt im Chorumgang. Sie ist in ihrer Grundsubstanz noch ganz romanisch, wurde im 15. Jahrhundert umgebaut und erhielt im Barock einen kostbar ausgestatteten Altaraufsatz, der die gekrönte Marienfigur des letzte Kalendertürchens zeigt. Auf dem linken Arm trägt sie den Jesusknaben, während die rechte Hand eine Lilie, das Zeichen ihrer Reinheit, zeigt. Die Krone schließlich weist auf ihren Titel als Königin des Himmels und der Welt hin.

Mit diesem Bild wünsche ich Ihnen allen

eine gesegnete Weihnacht.

23

23

Das Tor der Herrlichkeit

Nach Wochen, wahrscheinlich Monaten auf einem oft endlos scheinenden Weg kommt der mittelalterliche Pilger endlich erschöpft am Zielort und vor der Kathedrale an. Man weist ihn zum Westportal, dort muss er hinein. Doch ehe er den Fuß durch das Tor setzt, bleibt er völlig überwältigt stehen und schaut auf den Pórtico de la Gloria, das vielfigurative Szenen aus der Bibel und Christus als Erlöser und Weltenrichter zeigt.
Unserem Pilger, der wie die meisten Menschen seiner Zeit weder lesen noch schreiben kann, sind die biblischen Erzählungen aus Fresken in seiner Heimatkirche und den Predigten des Pfarrers bekannt. Bei aller theologischen Dramaturgie links und rechts und im Tympanon empfängt ihn aber der sanft blickende Jakobus, dessen Figur den Eingang in zwei Hälften teilt und dessen Grab er im Inneren der Kathedrale gleich besuchen wird.
Heute liegt das Portal geschützt hinter der barocken Fassade, die wohl auch deshalb gebaut wurde, um die polychromen Figuren vor weiterem Verbleichen und Erodieren zu schützen.
Über den Baumeister, der dieses Wunderwerk schuf, ist außer seinem Namen Mateo so gut wie nichts bekannt. Zusammen mit seiner Werkstatt fertigte er das Portal im Auftrag Fernandos II. von León und brauchte wohl zwanzig Jahre, um die Figuren mit aller hochgotischer Raffinesse dem Stein abzuringen; um 1188 war das Werk fertiggestellt. Ob er wirklich einer Figur auf der Innenseite des Pórtico seine Züge gegeben hat, wird sich nicht mehr feststellen lassen. Wer jedoch das Heilsversprechen der Bibel in einem umwerfenden Bilderbogen betrachten möchte, ist hier an der richtigen Stelle.

22

22

Das Schwingen des Botafumeiro

Nach der heiligen Kommunion, wenn die Messe in der Kathedrale von Santiago sich dem Ende zuneigt, kommt der Moment, auf den jeder Pilger gewartet hat. Unter brausenden Orgelklängen wird der Botafumeiro, der von der Decke herabhängende riesige Weihrauchkessel, mit glimmenden Kohlen und Weihrauch gefüllt und in die Höhe gehoben. Acht Männer, die Tiraboleiros, bringen ihn mit einer Seilkonstruktion in Bewegung, bis er in majestätischem Bogen und mit einem scharfen, charakteristischen Zischen von der Nordfassade zum Südportal schwingt. Besonders eindrucksvoll ist es, wenn das Sonnenlicht durch die Fenster der Kuppel strömt, in dem Kessel und Weihrauch fast unwirklich aufleuchten: ein spiritueller Augenblick und für die Pilger der Höhepunkt ihrer Wallfahrt.

Die ersten Weihrauchkessel sind schon im Codex Calixtinus erwähnt und über die Jahrhunderte hat sich ihre Gestalt gewandelt. Der heute verwendete Botafumeiro ist ungefähr anderthalb Meter hoch, vierundfünfzig Kilo schwer und aus Messing gefertigt, die Geschwindigkeit erreicht unfassbare 68 km in der Stunde. Man mag sich fragen, warum schon im Mittelalter ein so großes Weihrauchfass benutzt und solche Mengen an Weihrauch verbrannt wurden. Die Erklärung, dass das Harz des Weihrauchbaums schon immer in der Liturgie der christlichen Kirchen verwendet wurde, wird stimmiger, wenn man weiß, dass in der Kathedrale viele erschöpfte Pilger die Messe hörten und dort auch übernachteten. Ihr Körpergeruch sollte so überdeckt und die Ausdünstungen, von denen man glaubte, dass sie krank machten, vertrieben werden. All das aber ist vergessen, wenn der Weihrauch das Kirchenschiff füllt und der Hymnus des Apostels „Santo Adalid, patrón de las Españas“ zur Kuppel emporsteigt.

21

21

Mit dem Pilgerbuch zur Compostela

Am Ende des beschwerlichen Wegs nach Santiago steht für jeden, der ihn schafft, eine Urkunde, die diese Anstrengung beweist. Bevor der Pilger sich aufmacht, kauft er sich einen Pilgerausweis, aber nicht irgendeinen, er muss schon vom Pilgerbüro in Santiago ausgestellt sein. Im Mittelalter war das noch anders, man lief los mit einer Bescheinigung von Pfarrer oder Bischof, die bezeugte, dass man auf dem Weg nach Compostela sei. Das bedeutete, dass man vor der Abreise gebeichtet und den Pilgersegen erhalten hatte und stellte den Einzelnen unter den Schutz, den die Gesellschaft dem Pilger bot. Am Ende des Wegs bekam er in der Kathedrale von Santiago seine Urkunde und eine Jakobsmuschel als Beweis, dass die Wallfahrt komplett absolviert war. Weil aber irgendwann klevere Geschäftsleute sowohl Muscheln als auch Urkunden verkauften, mussten sich die Verantwortlichen etwas einfallen lassen.
Heute ist der Pilgerausweis, die Credencial del Peregrino, die Bescheinigung, dass der Besitzer auf dem Jakobsweg unterwegs ist. Mit ihm verpflichtet er sich, als wahrer Pilger zu handeln und aufzutreten. Außerdem ist genügend Platz für die Stempel, die er sich an jedem absolvierten Streckenabschnitt holen kann: in Pilgerbüros und Kirchen, aber auch in einem Café, einer Post oder dem städtischen Rathaus. Die Motive der Stempel sind in ihrer Vielfalt unendlich, viele sind wirklich schön und eine Erinnerung an jede einzelne Station, die man passiert hat.
Gleichgültig, ob man zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Fahrrad unterwegs ist: auf den letzten hundert Kilometern muss der Pilger regelmäßig Stempel sammeln. Am Ende steht wie früher die große Belohnung in Santiago. Kann man dort alle nötigen Stempel vorweisen, erhält man die Compostela, die Bestätigung dafür, dass man den Camino gegangen ist. Eine Ablassbescheinigung ist sie übrigens nicht.

20

20

Von Vadstena nach Santiago

Es gab viele berühmte Pilger auf den Jakobswegen. Eine, die von sehr weit aus dem Norden kam, war die später heilig gesprochene Birgitta Birgersdotter. Schon als Kind war sie sehr fromm und hatte früh Visionen. Ihre Eltern gehörten zu einer der mächtigsten Familien des Landes und verheirateten sie, wie es ihnen nötig erschien. Als ihre Kinder erwachsen waren, pilgerte Birgitta mit ihrem Mann nach Nidaros zum Grab des Heiligen Olaf. Zurückgekehrt entschlossen sich beide 1341 zu einer mehrjährigen Wallfahrt nach Santiago de Compostela. Doch auf dem Rückweg, schon in Schweden, starb Birgittas Mann.
Von da an führte die Witwe ein heiligmäßiges Leben. In einer Offenbarung erhielt sie den Auftrag, einen Orden und ein Kloster zu gründen. Sie ging nach Rom, gründete dort ein Hospiz für schwedische Pilger und Studenten, kümmerte sich um Frauen am Rand der Gesellschaft und mischte sich ambitioniert immer wieder vor allem in die Kirchenpolitik ein.
Der Weg, auf dem sie mit ihrem Mann nach Santiago gewandert war, konnte in Teilen rekonstruiert werden. Vermutlich segelten sie vom schwedischen Kalmar aus nach Stralsund und machten sich dann auf den langen Fußmarsch nach Galicien. Heute kann man schon von Rügen aus auf den Spuren der Heiligen wandern. Der Birgitta-Weg ist Teil des großen Netzes der Jakobsstraßen und führt über Stralsund, Güstrow und Schwerin weiter nach Nordwestdeutschland und durch Orte, die nachweislich im Mittelalter von Pilgerrouten berührt wurden. Markiert ist er mit der bekannten Jakobsmuschel, die das weiße Birgittenkreuz trägt.

19

19

Die süße Stimme Galiciens

Kommen die Wanderer endlich nach Santiago und zur Kathedrale, steht so gut wie immer ein Gaitero unter einem Steinbogen nahe dem Eingang und spielt sein Instrument. In der Erschöpfung und dem Bewusstsein, endlich angekommen zu sein, kann ein Pilger schon einmal die Fassung verlieren, und manchmal, wenn sich der Klang der Gaita mit dem der Glocken hoch oben mischt, entsteht ein Augenblick reinster Magie.

Sackpfeifen sind kein ausgesprochen keltisches Instrument. Sie werden auf dem Balkan und in Nordafrika, in Indien und hinterm Ural gespielt, die polnischen Goralen kennen sie wie die Esten und die Finnen. Es war ursprünglich ein Hirteninstrument, mit einem Balg aus Ziegen- oder Schaffell und verschiedenen Pfeifen. Es gibt auch Varianten ohne Bordunpfeifen, die meisten Typen verfügen aber zwischen einem und sechs dieser brummigen Haltetöne, über denen der Spieler auf anderen Pfeifen die Melodie erklingen lässt.

Interessanterweise sind Sackpfeifen auch in der höfischen Kultur des Mittelalters belegt. Der Codex Manesse zeigt sie bei deutschen Minnesängern, die Cantigas de Santa Maria am kastilischen Hof Alfonso des Weisen. Und auch an den Kathedralen dieser Zeit kann man in Stein gemeißelte Sackpfeifenspieler finden. Die Gaita, um nach Galicien zurückzukommen, hat unter all ihren Geschwistern eine der süßesten Stimmen, traditionellerweise wird sie aber allein gespielt.

18

18

Eine kleine Geschichte über die Mozaraber

Es ist ein Thema, das in den Erzählungen über die Reconquista oft untergeht. Als nämlich die iberische Halbinsel von Nordafrika aus erobert wurde, trafen die fremden Truppen auf ein christliches Land mit Bistümern, Kirchen und Klöstern. Nach 711 und dem Beginn der Islamisierung von Andalusien aus war es nun nicht so, dass sich die meisten Christen sofort der neuen Religion zuwandten. Noch im 11. Jahrhundert gab es ganze Dörfer mit rein christlicher Bevölkerung, vor allem im Umfeld alter Bischofsstädte wie Toledo, Cordoba oder Sevilla.
Diejenigen, die ihrem Glauben treu blieben und die Dschiziya, die Kopfsteuer, zahlten, nahmen aber ganz natürlich viel von der neuen Lebensweise und Kultur an. Andererseits übten die neuen Herrscher von Anbeginn Druck auf die Bevölkerung aus zu konvertieren, es kam zu Aufständen und in der Folge zu mehreren Auswanderungswellen in die kleinen Staaten im Norden, die christlich geblieben waren. Im Königreich León beispielsweise wurden Geflohene aus Cordoba und Toledo angesiedelt, die die durch den Krieg verlassenen Dörfer an der Grenze wieder aufbauten. Man nannte sie Mozaraber nach dem arabischen Wort mustaʿrab, das jemanden bezeichnet, der wie ein Araber lebte.

Mit Handwerkern und Baumeistern kam auch der neue Stil in den Norden: Arkaden mit Hufeisenbögen, Doppelfenster und Pfeiler, die aus zwei oder vier Säulen bestanden. Auch die Dekore, stilisierte Pflanzen, durchbrochene Füllungen und Fresken, hatten sie aus dem Süden mitgebracht. Ein besonderes schöner Bau im mozarabischen Stil ist die Kirche San Miguel de Escalada, nicht weit entfernt vom Camino Francés in Gradefes in León. Sie gehörte zu einem Kloster, das im 9. Jahrhundert von Mönchen aus Cordoba gebaut wurde und in manchem an die dortige Mezquita erinnert. Übrigens gibt es auch einen mozarabischen Jakobsweg, der die Pilger von Granada über Cordoba nach Merida und von dort auf die Via de la Plata und nach Santiago führte. Das aber ist eine andere Geschichte.

17

17

Finis Terrae – der Ort, an dem die Sonne starb

Hier geht die Sonne in spektakulären Bildern unter, als würde sie zuletzt vom Meer verschluckt. Von hier aus machten sich Helden der Vorzeit auf, um auf steinernen Booten in die Anderwelt hinter dem Horizont zu gelangen. Hier fanden die ersten römischen Eroberer einen Altar, der der Sonne geweiht war. Und hierher wanderten manche Jakobspilger, um nach alter Tradition ihre Kleider zu verbrennen, bevor sie sich auf den Weg nach Hause machten.

Es geht, wie kann es anders sein, um das Cap Finisterre, das wie der spitze Nagel an einem ausgestreckten Finger ungefähr 60 Kilometer westlich von Santiago de Compostela in den Atlantik ragt. Es gibt hier einen Leuchtturm, einen steten, ganz dünnen Nieselregen und sehr viel Nebel. Soweit die Fakten. Unwirklich überwältigt fühlt sich der Besucher aber, wenn er sich auf dem Weg zum Turm befindet, und unterm Niesel und im Nebel plötzlich das Nebelhorn tönt; langgezogene Klagen wie von untergegangenen Seelen oder einfach eine Warnung an Wanderer und Schiffe in gefährlichem Terrain.

Vielleicht sind solche Sinneseindrücke ein Grund, warum die Rede vom Ende der Welt, das sich hinter dem Kap befinden soll, so glaubhaft scheint. Außerdem ist hier Keltenland. Für deren vorchristliche Göttergeschichten bildet die wolkenverhangene Landschaft einen ganz wunderbaren Rahmen. So mag man sich fragen, ob das Küstenstück zwischen dem Kap und dem Ort Malpica westlich von A Coruña wegen der vielen Schiffsunglücke und unzähliger toter Seeleute auch Costa da Morte, Todesküste, genannt wird. Oder ob wir es hier mit einem Gebiet zu tun haben, das den Kelten oder noch weitaus älteren Kulturen ein heiliger Ort war. Immerhin zählt die Archäologie dort die größte Dichte an vorzeitlichen Grabhügeln auf der ganzen Iberischen Halbinsel.

Wie dem auch sei, ist Finisterre immer ein überwältigendes Erlebnis. Und man mag den Apostel, der hier in heiligem Zorn den heidnischen Sonnenaltar zerstört haben soll, ein wenig bedauern. Großen Erfolg hat er dabei im Ganzen nicht gehabt.

16

16

Die Goldminen von Las Médulas

Es gibt viele Gründe, den im Sommer sehr überlaufenen Camino Francés einmal zu verlassen und auf einer alternativen Route zu wandern. Besonders wenn man die Stille sucht und sich an einer Landschaft erfreut, die abwechslungsreich und teils bezaubernd, teils atemberaubend ist. Hier bietet sich der Camino Inverno an. Der Winterweg wird so genannt, weil er den in der kalten Jahreszeit oft schneereichen Abschnitt über das 1.300 Meter hoch gelegene Bergdorf O Cebreiro umgeht und, darauf kommt es uns an, den Wanderer nach Las Médulas führt.

Viele Routen nach Compostela laufen entlang alter Handelsstraßen, diese hier ist besonders, weil in den Hügeln von Las Médulas die älteste Goldmine des Römischen Reiches lag. Die skurrilen Formen der im Licht golden leuchtenden Landschaft sind das Ergebnis einer zweihundertfünfzig Jahre langen Förderung des Edelmetalls, die mit der Eroberung unter Kaiser Augustus im Jahr 25 v. Chr. begann. Wie das geschah, ist durch Plinius den Älteren überliefert. Die Technik heißt „Ruina montium“ und sie zerstört, wie schon der Name sagt, nicht nur das Gestein, sondern trägt peu à peu den Berg ab.

Horizontale Hohlräume in mehreren Ebenen übereinander und vertikale Schächte mussten quer durch die Berge gegraben werden, danach wurde Wasser hindurch geschwemmt. Das gab es in der Sierra de la Cabrera, also wurde auch noch ein über 100 Kilometer langes Kanalsystem gebraucht.
Plinius beschreibt sehr eindringlich, wie die Bergleute monatelang beim Graben keine Sonne sahen, dafür waren sie der ständigen Gefahr ausgesetzt, bei Gesteinseinbrüchen verschüttet zu werden. Erstaunlich, dass die Römer hierzu keine Sklaven, sondern zehntausende freie Arbeiter einsetzten. Angesichts der jährlichen Ausbeute von sechs Tonnen Gold, über 250 Jahre summierte es sich auf 1.635 Tonnen, muss es sich dennoch mehr als gelohnt haben.
Reste von Kanälen, Tunneln und Straßen, die für den Abtransport gebaut wurden, sind immer noch erhalten. Nichts aber ist bestaunenswerter, als die roten Felsen in einer überwältigenden Landschaft.

15

15

In dulci jubilo

Viele Pilgerberichte beschreiben den Moment, da die Wallfahrer ein Schiff besteigen oder auf dem Rückweg wieder einen Fuß auf festen Boden setzen, eine Gefahr überstanden haben oder das Ziel ihrer Reise zum ersten Mal sehen. Immer dann brechen sie in einen Gesang aus, oft ist es das Te Deum Laudamus, „Gott, dich loben wir“.
Singen gehört zum christlichen Ritus, ob es der Wechselgesang zwischen Vorbeter und Gemeinde ist, das Stundengebet der Mönche oder Gesänge während vieler Prozessionen. So wird der Pilger zwar auf dem Weg nicht ein Lied anstimmen, doch wenn er am Weg eine Kirche besucht, die heilige Messe feiert oder im Klosterhospiz für die Nacht ein Lager findet, gehört der gemeinsame Gesang immer dazu.

Das Land nördlich und südlich der Pyrenäen, durch das der Jakobsweg führt, hat eine ganz besondere Musiktradition. Von hier stammen die Trobadors, wie sie auf okzitanisch heißen, und unter ihnen waren nicht nur fahrende Sänger, sondern auch Fürsten wie der berühmte Wilhelm IX. von Aquitanien. Ein anderer, den man getrost Trobador der Jungfrau Maria nennen darf, war Alphonso X. von Kastilien. Vielleicht hat er einige der Cantigas de Santa Maria selbst geschrieben und komponiert, vielleicht wurden sie in seinem Auftrag verfasst, gesammelt und in kostbaren Codices festgehalten, am Ende waren es über vierhundert.

Und natürlich, es erstaunt den Leser mittlerweile nicht mehr, enthält auch unser immer wieder aufgeschlagener Codex Calixtinus Gesänge, wunderschöne Gregorianik, die aus der Zeit vor dem 12. Jahrhundert stammt und schon mehrstimmig gesetzt ist. Sang das der einfache Pilger auf dem Weg nach Compostela? Mit Sicherheit nicht, ohne eine Ausbildung war das nicht möglich. Erhalten haben sich neben diesen kunstvollen Kompositionen aber viele Lieder zu Ehren von St. Jakobus, in jeder Sprache und Manier der Völker, die zu seinem Heiligtum zogen. Manches ist überliefert und wird heute noch gesungen, selbst auf den so weit von Spanien entfernten Faröer Inseln.

14

14

Die Große Pilgermuschel

Unter den verschiedene Varietäten der Jakobsmuschel wird nur eine ausschließlich im Atlantik gefangen und einzig die steht als Zeichen für den heiligen Jakobus und die Wallfahrt nach Compostela.

Über die Frage, wie das eine zum anderen kam, gibt es die verschiedensten Vorschläge. Ein besonders plausibler betrifft den Ort ihres Vorkommens: in Spanien vorzüglich an der Küste Galiciens. Die frühen Pilger, so sagt man, fanden die Muschelschalen überall am Meeresufer. Und weil sie sich in der Nachfolge Christi arm und ohne Mittel auf den Weg gemacht hatten, kamen sie ihnen gerade recht, um als Löffel oder Becherersatz zu dienen.

Der Codex Calixtinus versorgt uns mit zwei anderen Erklärungen. Die erste beschreibt, wie den Pilger bei ihrer Ankunft in Compostela ein Pergament und die rechte Hälfe einer Jakobsmuschel überreicht wurden, als Bestätigung vollendeter Pilgerschaft. Solche Pilgerzeichen gab es für alle möglichen Abschnitte an Wallfahrtswegen und sie wurden nach Erhalt stolz angesteckt oder angenäht, wie man heute ein Bergzeichen an den Wanderstock nagelt. So nimmt es nicht Wunder, dass Jakobspilger in der Kunst mit der Muschel an Hut, Mantel oder Tasche erscheinen. Als Ornament zierte sie Kirchen, Kapellen oder Hospize, die dem Apostel gewidmet waren, und weist heute als Wegzeichen den Pilgern die richtige Straße.

Der Codex hält aber noch eine andere Erklärung bereit und die ist weitaus poetischer und geht so: Als das Boot mit den sterblichen Überresten des heiligen Mannes die galicische Küste erreichte, wurde am Strand gerade ein Hochzeitsfest gefeiert. Der Bräutigam und seine männlichen Gäste veranstalteten ein Reiterspiel, bis das Pferd des frisch gebackenen Ehemanns im Galopp bockte und mitsamt dem Reiter ins Wasser fiel. Alle waren sehr erschrocken, als plötzlich Pferd und Bräutigam nahe dem Boot wieder auftauchten. Die Begleiter des heiligen Leichnams paddelten herbei, um dem Mann ans Ufer zu helfen, als sie sahen, dass sein Körper über und über mit Muschelschalen bedeckt war. Santiago hatte wieder ein Wunder gewirkt.

13

13

Denn auch des Pilgers Magen kann ein gut Speis vertragen

Wer sich heute aufmacht, um nach Compostela zu pilgern, braucht keine Sorgen um das leibliche Wohl zu haben. Das Herbergswesen ist gut ausgebaut, auch die kleineren Städte am Weg bieten lokale Küche an und jeder Pilgerführer hat kulinarische Empfehlungen parat, je nach Geldbeutel und Gusto. Auch der Wallfahrer früherer Jahrhunderte musste sich um sein Wohlbefinden kümmern, wollte er den Weg bis nach Compostela schaffen. Schon der Ratgeber aus dem Codex Calixtinus warnt vor bösen Wirten, schlechten Köchen und diebischen Mägden, nachdem er dem Pilger zuvor ans Herz gelegt hatte, kein Geld und nur so viel mitzunehmen, wie in die Pilgertasche passe. Wo also bekam er sein Essen her?

Erst einmal gab es Klöster am Camino, wo der Pilger Strohsack und Speisung finden konnte. Ziemlich schnell schossen Herbergen und Hospize aus dem Boden, die nur auf die Pilgerbetreuung eingestellt waren. Auch der vornehme Wallfahrer mit Pferd und Entourage konnte sich hier einmieten und etwas Besseres als Brotsuppe bestellen. Rechnungsbücher hochadliger Jerusalemfahrer vermitteln eine Vorstellung davon, auf welchem Niveau sich so etwas abspielte, wenn die Infrastruktur stimmte. Begleiter des sächsischen Herzogs Heinrich des Frommen gaben dessen Sekretär zu Protokoll, dass ihr Herr sich 1506 über den Jakobsweg geschlemmt hätte, wobei an seiner tiefen Frömmigkeit nicht zu zweifeln ist.

Leider haben wir keine Nachricht, inwieweit sich deutsche Wallfahrer auf die köstlichen Meeresfrüchte eingelassen haben, die man heute in den gern frequentierten Pulperías Galiciens bekommt. Pulpo a feira, gekochte und in Stücke geschnittene Oktopusarme, mit Olivenöl beträufelt und süßem Paprikapulver bestreut, waren damals vielleicht nicht jedermanns Sache. Am Ende des Wegs trösteten köstliche runde Santiago-Kuchen, gebacken lediglich aus Zucker, Eiern und geriebenen Mandeln, über die Mühsal des Weges hinweg. Echt bis heute nur bestreut mit Puderzucker, der in der Mitte ein Santiago-Kreuz auslässt.

12

12

Die Reise der Seelen

Wer auf dem englischen Jakobsweg wandert, hat nicht einmal 150 Kilometer zu laufen, und vielen Pilgern erscheint das viel zu kurz. Es ist aber keineswegs eine Route ohne Charme, Geschichte und Legenden. Im Mittelalter machten sich viele Pilger von den britischen Inseln und Skandinavien nach Santiago auf, aber weil sie so fernab lebten und das Meer gewohnt waren, kamen sie per Schiff und landeten in A Coruna oder Ferol. Die Küste dort ist rau und von spektakulärer Schönheit und wenigstens heutzutage nutzen Santiagopilger die Gelegenheit, noch etwas weiter zu wandern bis nach San Andrés de Teixido. Es ist ein winziges Dorf an den Klippen der Serra da Capelada, wo nicht viel mehr als Ginster wächst und Wildpferde leben.

Hier besuchten schon die Kelten heilige Orte und vielleicht wurzelt die folgende Legende in dieser Tradition. Als nämlich der heilige Andreas auf seine Kirche in Teixido schaute, wurde er traurig und von Eifersucht erfüllt. Keiner suchte diesen Ort im Nirgendwo auf, alle Pilger strömten nach Santiago de Compostela. Er beschwerte sich bei Gott und der wollte ihn trösten und versprach, dass jeder Mensch einmal in seinem Leben San Andrés de Teixido besuchen müsse, anders käme er nicht ins Himmelreich. Deshalb gibt es in Spanien die Redensart, dass wer nicht als Lebender nach San Andrés pilgert, müsse es als Toter tun.

So wurde der Ort zum zweitwichtigsten Pilgerziel Spaniens. Ob der Herr wirklich verfügt hatte, dass die Seelen sich als Insekt oder kleines Tier auf den Weg machen müssen, kann niemand sagen. Man tut aber gut daran, diese Wege vorsichtig zu gehen, um niemanden zu verletzen. Und wer mit dem Bus dorthin fährt und ein wirklich gutes Werk tun will, kauft ein zusätzliches Ticket. Denn das, so heißt es, erspare einer Seele den langen Weg und eine tierische Verwandlung.

11

11

Das Wunder von Santo Domingo de la Calzada

Am westlichen Rand der Provinz Rioja führt der Jakobsweg an einer Kleinstadt vorbei, deren Kathedrale in die Annalen des Camino Francés eingegangen ist. Nun mangelt es dem nicht an Wundern sakraler Architektur, hier aber wird die Erinnerung an ein Mirakel wachgehalten, das uns viel über das Pilgern der einfachen Leute und der Gefahren erzählt, die sie auf ihrem Weg treffen konnten.

Die Legende sagt, dass einst eine deutsche Familie auf dem Weg nach Santiago in Santo Domingo de la Calzada übernachten wollte. Der Wirt, ein böser und hinterhältiger Mensch, schmuggelte des Nachts einen seiner Silberbecher in ihr Gepäck, schrie tags darauf Zeter und Mordio und ließ alle Reisenden durchsuchen. Als der Becher beim Sohn der Deutschen gefunden wurde, machte der Stadtrichter kurzen Prozess und der Beschuldigte wurde an den Galgen gehängt. Die betrübten Eltern setzten ihre Pilgerfahrt fort und kamen auf dem Rückweg wieder durch den Ort und am Galgen vorbei. Eine Stimme rief sie an und der gar nicht tote Sohn berichtete den glücklich Erschreckten, wie der heilige Jakobus ihn die ganze Zeit gestützt hätte, so dass er nicht sterben musste. Die Eltern rannten zum Richter, berichteten von dem Wunder und verlangten, ihr Sohn solle sofort heruntergenommen werden. Der Richter saß gerade beim Mittagessen und wies belustigt auf die beiden gebratenen Hühner vor ihm. So lebendig wie die Vögel auf dem Tisch sei ihr Sohn, sagte er, woraufhin die eine plötzliche Auferstehung erlebten und davonflatterten.

Die Geschichte verbreitete sich schnell über den Jakobsweg hinaus und wurde von Volksdichtung und Kunst aufgenommen und variiert. In Erinnerung an das Mirakel brachte man im 15. Jahrhundert in der Kathedrale des Ortes einen Hühnerkäfig an, in dem von da an stets ein weißer Hahn und eine weiße Henne gehalten wurden. Ob sie wirklich alle zwei Wochen ausgetauscht werden, wie man heute hört, ist den Tieren zu wünschen.

10

10

Auf dem Weg zum Heiligen Grab

Am 6. Mai 1479 brachen die Nürnberger Hans Tucher und Sebald Rieter zu einer Reise ins Heilige Land auf; zwei von vielen, die eine Wallfahrt zu den wichtigsten christlichen Stätten unternahmen, auf einer Route, die gebräuchlich und bewährt war: über den Brenner nach Venedig, von dort mit dem Schiff nach Jaffa und weiter auf Eseln nach Jerusalem, damals für fromme Christen das Zentrum der Welt.

Wallfahrten nach Jerusalem waren im ausgehenden Mittelalter ein Massenphänomen und die Abwicklung der Reise glich einem Pauschaltourismus, wie wir ihn heute kennen. Anders als die meisten nahm sich Hans Tucher unterwegs die Zeit, Etappen, Erlebnisse und Gefahren aufzuschreiben. In Jerusalem angekommen, sah er während neun Tagen, was den Pilgern zu besuchen aufgetragen war, von Ölberg und Gethsemane bis zum spirituellen Höhepunkt, dem Besuch der Grabeskirche. Hier wurde Tucher, vielleicht auch Rieter, mit anderen zum Ritter des Heiligen Grabes geschlagen.

Neben seinen Notizen vermaß der Nürnberger die Grabeskirche, fertigte Skizzen an und zählte die Schritte zwischen den einzelnen Stationen auf dem Kreuzweg Jesu. Nach der glücklichen Heimkehr schrieben Tucher und sein Gefährte ihre Erlebnisse auf. Tuchers Bericht erschien 1482 und diente vielen späteren Pilgern als Reiseführer, wobei besonders die Listen geschätzt wurden, die notwendige Ausrüstung auflistete und empfahl.
Der Nürnberger war nicht der einzige, der mit Plänen und Aufmaßen nach Hause kam. Überall entstanden zu dieser Zeit Nachbildungen der Heiliggrabkapelle. Etwas ganz Besonderes ist das Heilige Grab in Görlitz am Jakobsweg, das in einem Landschaftsgarten die Topografie Jerusalems nachempfindet, mit Kapellen, Golgatha und sogar dem Kidronbach. Ein frommes Werk, das auch den Daheimgebliebenen ermöglicht, die letzten Wege Jesu nachzugehen.

09

9

Das Tal der Steinmännchen

Ungefähr achthundert Kilometer ist der Camino Francés lang, von den Pyrenäenpässen bis zur Kathedrale des Heiligen Jakobus. Und seit einigen Jahrzehnten wieder beliebt und belaufen. Es sind nicht nur, wie in früheren Jahrhunderten, spirituelle Pilger, die den ganzen Weg bis Santiago de Compostela laufen. Auch Kulturenthusiasten und Naturfreunde trifft man unterwegs, der Camino hat für jeden etwas zu bieten. Gar nicht ungewöhnlich ist es, sich nur einen Streckenabschnitt vorzunehmen, je nachdem, welche Gegend einem zusagt und was der Wanderer sich zutraut. Von interessanten Bauwerken, die in Zusammenhang mit dem Jakobsweg gebaut wurden, haben wir schon gehört. Eine freundliche Strecke durchläuft über 50 Kilometer die Provinz Rioja und quert ein Tal, das für seine skurrilen Steintürmchen bekannt ist. Aufeinander geschichtete flache Steine kennt so gut wie jede alte Kultur. In unübersichtlichem Terrain, Bergen oder Wüsten dienten sie als Wegmarken, große Exemplare wurden unter Gipfelkreuze geschichtet, und häufig bekamen diese Türmchen so auch eine spirituelle Bedeutung.

Auf dem Camino findet man eine unübersehbare Anzahl zwischen Navarrete und Nájera. Dass die ersten Exemplare wie anderswo als Wegweiser gedient haben sollen, ist in letzter Zeit verworfen worden. Vielleicht hatten Pilger Steinmännchen aus ihrer Heimat gekannt und wollten sie als ein Zeichen hinterlassen, dass sie hier durchgekommen waren. Das wäre gar nicht ungewöhnlich, Pilger im Heiligen Land hinterließen ihre Initialen beispielsweise in Mauern oder Felsen geritzt im Katharinenkloster auf dem Sinai. Hier im Rioja musste man keinen Stein bearbeiten, man las sie unterwegs auf, baute sein Türmchen und wer danach kam, setzte eins daneben. Und weil es vielen so viel Freude machte, zieren sie nun nicht nur das Tal bei Navarrete, sondern stehen auch längs des Wegs.

08

8

Die Kathedrale von Burgos

Kastilien im Jahr 1219. In der alten Kathedrale Santa María de Burgos heiratet König Ferdinand III. eine deutsche Prinzessin. Bis dahin hatten sich kastilische Herrscher mit Frauen vermählt, die von der iberischen Halbinsel stammten. Mit Beatrix, einer Enkelin Friedrich Barbarossas, eröffneten sich für König und Reich neue Netzwerke und Einflussmöglichkeiten. Der junge Herrscher nimmt die Hochzeit zum Anlass, dies mit dem Bau einer neuen Kathedrale zu zeigen, vielleicht war es auch ein Vorschlag des Bischofs Mauricio, der das Paar getraut hatte, denn der hatte in Paris studiert und und die neuen Kathedralen gesehen, die in ganz neuer Manier hoch in den Himmel ragten.

Burgos war damals schon eine wohlhabende Stadt, hier wurden die kastilischen Herrscher gekrönt und man prosperierte von der Lage am Jakobsweg und wichtigen Handelsrouten. Zwei Jahre nach der Hochzeit legten König und Bischof den Grundstein und knapp vierzig Jahre später war die Kathedrale, sieht man von den Türmen und später erfolgten Umbauten ab, fertiggestellt. Heute gilt sie als der erste gotische Sakralbau Spaniens, überwältigend in Größe und Ausstattung, geprägt von den verschiedensten architektonischen Einflüssen der Zeit.
Der erste Baumeister, man weiß den Namen nicht genau, soll ein Franzose gewesen sein, der sich an den Kathedralen von Paris und Bourges orientierte. Was damals, in der Zeit vor dem Regiment des berühmten Königspaares Isabella und Ferdinand, noch möglich war, sieht man an maurischen Stilelementen, die von mozarabischen oder muslimischen Handwerkern gefertigt wurden. Ein Rosettenfenster in der Westfassade zeigt zudem einen Davidsstern. Den hatte sich die jüdische Gemeinde von Burgos gewünscht, die das Fenster finanziert hatte. Besonders eindrucksvoll schwebt über allem das Sterngewölbe des Vierungsturms, das im heutigen Türchen abgebildet ist.

07

7

Nuestra Señora del Pilar

Über die Bedeutung heimischer Vornamen, zumal älterer, ist man oft verwundert, während man fremde zuerst dem Klang nach in schöne oder nicht ganz so schöne unterteilt. Dabei sind viele bei rechtem Hinsehen ebenso merkwürdig, und ohne eine Geschichte dazu scheint schwer verständlich, warum sie so gebräuchlich sind. Nehmen wir den spanischen Namen Pilar, den Deutsche viel weniger seltsam finden als Giesebrecht oder Bergunde. Pilar sagt der Spanier zu einer Säule oder einem Pfeiler und man darf sich schon fragen, was Menschen dazu bringt, ihre Kinder so zu nennen.
Dass man hierbei nun auf den Apostel Jakobus stößt, ist eins der vielen Wunder, die den Heiligen umgeben. Aufgezeichnet ist die Geschichte wieder einmal im Codex Calixtinus und sie geht so:
Als Jakob nach Westen wanderte, um den Menschen das Evangelium zu predigen, hatte er in den hispanischen Provinzen so wenig Erfolg, das er müde wurde und ihn Hoffnungslosigkeit ankam. Eines Abends, es war in der Nähe der Stadt Colonia Caesaraugusta, dem heutigen Saragossa, kam er an das Ufer des Ebro. Er setzte sich hin und fing an zu beten, als plötzlich ein strahlendes Licht erschien, in dem er Maria, die Mutter Jesu, sehen konnte, von vielen Engeln umgeben. Sie tröstete ihn, bat ihn, nicht aufzugeben, und sagte voraus, dass er viele Menschen dem Glauben gewinnen würde.
Als Zeichen ließ sie eine Säule zu Boden gleiten. Die war ganz und gar aus Jaspis und obenauf stand die Figur einer Jungfrau, die ein Kind hielt.

Ob Jakob verwirrt war, dass ihm Maria hier am anderen Ende der Welt erschien, obwohl sie, wie er wusste, noch am Leben und in Jerusalem war, das sagt die Legende nicht. Wohl aber, dass der Apostel mit einigen Gefährten um diese Säule eine Kapelle baute und nach deren Weihe zurück nach Judäa ging, wo er den Märtyrertod unter Herodes starb.
Heute steht anstelle der Kapelle die Basilika „Unsere Liebe Frau auf dem Pfeiler“. Die Virgen del Pilar gilt als Schutzheilige Spaniens und der 12. Oktober ist ihr Tag. So kommt es, dass viele Kinder, die an diesem Tag geboren werden, den Namen Pilar tragen, heute oft als Zweitname und übrigens Mädchen und Jungen gleichermaßen. Die Säule ist in der Basilika zu sehen, Bilder und Reliefs, die Szenen der Legende zeigen, gibt es in vielen spanischen Kirchen. Auch und gerade am Jakobsweg.

06

6

„Auf der Straß zu Sant Jakob“

Schuhe oder nicht, genug Münzen oder auf den Himmel vertrauen. Wie ist der Weg und wo finde ich Unterschlupf bei Krankheit oder wenn das Wetter mich hindert. Fragen, die sich Pilger seit den ersten Wallfahrten gestellt haben. Außer Acht sollte man nicht lassen, dass die meisten Menschen des Mittelalters nicht nach Santiago, Rom oder Jerusalem wanderten, sondern besonders heilige Orte in der näheren oder weiteren Umgebung aufsuchten. Unter den ersten Pilgern zum Jakobsgrab waren asturische Könige, spanische Mönche, Äbte und Bischöfe. Erst im Hochmittelalter, nach einer Zeit beispielloser Propaganda, gewann Santiago Bekanntheit und Zulauf über die Halbinsel hinaus, sicher auch dank der Verbreitung des ersten Pilgerführers, des Liber Sancti Jacobi. Hier fand man Vorschläge für den Weg, die Ausrüstung und Unterbringung, aber auch Warnungen vor bösen Menschen und üblen Herbergen.

Als der Strom der Pilger wuchs und sie selbst aus Polen, England oder Island nach Spanien zogen, schrieben Rückkehrer über ihre Erlebnisse und gaben den geneigten Lesern Ratschläge, die nun zeitgemäßer waren als die im Liber Sancti Jacobi. Ein Servitenmönch aus der Rhön machte sich 1488 auf nach Compostela, einzig in dem Wunsch, den besten Weg zum Heiligen finden und nebenbei alles zu beschreiben und empfehlen, was nötig war. Nach zwei Jahren kam er zurück und schrieb seinen Pilgerführer, dessen Präzision und Informationsfülle selbst zu Mautgebühren, gangbaren Brücken und Orten für das Ausbessern der Schuhe heute noch verblüfft. Bald darauf versiegten die Pilgerströme, durch Reformation, Religionskriege und die Auswüchse der spanischen Inquisition, die in jedem Fremden einen potentiellen Spion sah. Erst im 19. Jahrhundert und mit der Wiederauffindung der sterblichen Überreste des Apostels, die man einst vor englischen Freibeutern versteckt hatte, nahm das Interesse wieder zu.
Heute kann dem Pilger, betrachtet man Infrastruktur und Information, nicht mehr viel passieren. Die hübschen Schilder mit der Muschel weisen den Weg und wenn es schwierig wird, sind Smartphone und aufmerksame Menschen längs der Straßen eine Hilfe, die es so früher nicht geben konnte. Angesichts der Hunderttausende, die es jedes Jahr nach Santiago zieht, darf man dafür dankbar sein.

05

5

Die Schlacht am Pass

Man muss das Rolandslied nicht gelesen haben, um seinen Protagonisten zu kennen. Aufrecht und mit dem Schwert in der Hand ziert er viele deutsche Marktplätze. Als Kämpfer gegen die Mauren ist er in die Geschichte eingegangen, bei Roncesvalles gefallen, betrauert, besungen, aber im Grunde vom Nebel der Zeiten verhüllt. Doch es hat ihn wirklich gegeben, und auch wenn Historiker über den genauen Ort des Kampfes uneins sind, kann man sich auf folgendes einigen.

Die iberische Halbinsel ist seit den 720er Jahren in muslimischer Hand, die Emire sind mittlerweile so zerstritten wie ihre christlichen Vorgänger. Im Norden fühlt man sich vom Emir von Cordoba bedrängt und so schickt 777 der Statthalter von Barcelona Boten zu Karl dem Großen. Für militärische Hilfe gegen Cordoba bietet er für sich und einige andere die Unterwerfung an.

Karl sieht seine Chance und marschiert im folgenden Frühjahr los. Sein Erfolg ist so durchschlagend, dass die Abtrünnigen ihr Angebot bald bereuen.
Der Gouverneur von Saragossa lässt den Franken wissen, nichts sei mit ihm abgesprochen, und verrammelt die Tore.
Auf eine Belagerung nicht eingerichtet, zieht Karl ab. Ob die Franken danach von Basken überfallen werden oder der König keine potentiellen Aufständischen im Rücken haben will: als er vor Pamplona kommt, lässt er plündern und die Mauern schleifen. Eine desaströse Entscheidung.
Was dann folgt, wird zu einer der größten Erzählungen des Mittelalters. Auf dem Weg übers Gebirge überfallen baskische Kämpfer die zurückgebliebene Nachhut und machen im unübersichtlichen Gelände auch den letzten Mann nieder. Die Legende sagt, dass Roland vor dem Ende seinen König noch mit dem Horn warnt, aber die Armee schafft es nicht rechtzeitig zurück. So zerschlägt er sein Schwert an einem Felsen, dass es den Feinden nicht in die Hand falle.
Über den Pass von Roncesvalles werden Jahrhunderte später viele Pilger gehen, Mönche ein Hospiz und eine Kapelle bauen und, wenn es neblig ist, die Glocke läuten, damit sich keiner verirre. Wie eine Reminiszenz an Rolands warnendes Horn.

04

4

Größenwahn am Pilgerweg

Nach der Entdeckung des Jakobsgrabes wurde die Stätte bald zu einem Pilgerziel. Endlich bekam die iberische Halbinsel ein Apostelgrab, fast vergleichbar mit den Gräbern von Petrus und Paulus in Rom. Und die asturischen Könige, denen Galicien gehörte, kämpften unter der Flagge des Heiligen für Reich und Glauben und lockten nebenbei Ströme von Pilgern an, an denen sie gut verdienen konnten. Spätestens seit dem 10. Jahrhundert begannen Menschen aus ganz Europa nach Santiago zu ziehen, auf Wegen, die sich wie ein Netz über den Kontinent legten. In Frankreich mündeten sie in vier Routen, drei davon verbanden sich kurz vor den Pyrenäen und querten die Berge bei Roncesvalles. Die vierte kam aus Okzitanien und führte auf 1.600 Höhenmeter zum Somportpass, den schon Kelten und Römer genutzt hatten.

Auf der spanischen Seite, knapp unter dem Pass bei Canfranc, stand seit dem elften Jahrhundert ein Pilgerhospital, das angeblich von König Sancho Ramirez gegründet worden sein soll. Neunhundert Jahre später, im Juli 1928, eröffnete einer seiner Nachfolger, König Alfonso XIII., hier gemeinsam mit dem französischen Präsidenten die Bahnstrecke von Pau nach Saragossa, die durch einen acht Kilometer langen Tunnel führte. Infolge der unterschiedlichen Spurbreiten der Züge musste allerdings in Canfranc umgestiegen werden. Sei es, dass man auf internationales Publikum hoffte, sei es, dass man den Passagieren während Passkontrolle und Umsetzung ein schönes Ambiente bieten wollte: der neue Bahnhof war ein Empfangsgebäude gigantischen Ausmaßes, ein wilder Stilmix von Neoklassizismus und Jugendstil, mit integriertem Hotel, Restaurants und Büros für Bahn, Polizei und Zoll. An nichts war gespart worden, nur mit einem hatte man nicht gerechnet: dass es nicht funktionieren würde. Den Reisenden waren Umstieg und Wartezeit unbequem, während des Spanischen Bürgerkriegs und der Nachwehen des Zweiten Weltkriegs war der Verkehr unterbrochen, und als 1970 auf französischer Seite ein Eisenbahnunglück eine Brücke einstürzen ließ, wurde die Verbindung nicht wieder belebt.
Immerhin eröffnete 2023 das Bahnhofsgebäude als Luxushotel neu, mit allen Schikanen. Die 150 Türen sind offen, die 365 Fenster geputzt. Und wenn alles gut geht, wird von 2032 an auch die Bahn wieder durch den Tunnel fahren.

03

3

Es kommt ein Schiff geladen

Natürlich ist es ein Schiff, denn wie anders sollte der Leichnam des ersten Märtyrerapostels ans entgegengesetzte Ende der damals bekannten Welt gekommen sein. Darüber hinaus wird die Geschichte aber verschieden erzählt. Die bekannteste besagt, dass nach der Enthauptung des Jakobus in Jerusalem seine Anhänger den Leichnam heimlich mitnahmen und mit ihm zum Hafen von Jaffa eilten. Sie fanden ein Schiff, womöglich fragten sie nicht nach dem Besitzer, und stachen eilig in See. Nach sieben Tagen kam Land in Sicht und die Männer ruderten, das wird extra erwähnt, ihre heilige Fracht an den Strand. Der Ort hieß Iria Flavia und lag in Galicien, heute heißt er El Padrón.

Das dritte Buch des Codex Calixtinus berichtet weiter, wie sie nun nach einem geeigneten Ort suchten, um Jakobus zu begraben. Das erwies sich als nicht ganz einfach. Widersacher wollten das gute Werk verhindern und die Männer mussten sich, mit himmlischer Hilfe, bewähren. Am Ende ging alles gut aus, sie begruben den Heiligen an einer Stelle, an der zuvor ein heidnischer Tempel gestanden hatte, und errichteten darüber ein gemauertes Grabmal. Zwei von ihnen wachten dort bis sie zu ihrem eigenen Tod.

Einer anderen Legende zufolge wurde der Leichnam des Jakobus zwar auch auf ein Schiff vor Jaffa gebracht, trieb aber ohne menschliche Beihilfe, nur von Gottes Hand geführt, bis nach Galicien. Sehen wir uns die Karte an, musste in beiden Fällen die iberische Halbinsel umrundet werden, um nach Iria Flavia zu kommen; eins der vielen Wunder, denen wir schon hier begegnen und die den Grundton für alles setzen, was man sich später erzählte.

02

2

Peregrinatio – Vom Wandern in der Fremde

Den Blick gesenkt, den Stock fest in der Hand, so steht die Figur eines Jakobspilgers auf der Maximilianstraße in Speyer. Mit bloßen Füßen geht der Mann, den Dom im Rücken, auf das alte Stadttor zu. Den heutigen Betrachter schauderts, denn von hier aus sind es noch 2.300 Kilometer bis Santiago. Und das ohne Schuhe?
Folgt man dem Handbuch im letzten Teil des Codex Calixtinus, war der Pilger aufgefordert, genau das zu tun. Eine Wallfahrt galt als Imitatio Christi. Anders gesagt, sollte er durch die Fremde wandern wie seinerzeit Jesus und seine Jünger im Heiligen Land, ohne Geld, mit knappen Vorräten und so karg ausgestattet, wie es eben ging.

Die Realität sah schon damals etwas anders aus. Die meisten Menschen rüsteten sich vorsorglich für die weite Reise, neben den notwenigen Geleitbriefen gehörte auch haltbares Schuhwerk dazu. Dennoch, die Pilgerfahrt sollte zur inneren Einkehr führen, war oft Bußweg, häufig Bittfahrt, um Kinder, Heilung oder Seelenfrieden, die anders nicht zu bekommen waren.

Einfach loslaufen konnte man aber nicht, der Mensch des Mittelalters war ganz anders in die Gesellschaft eingebunden als heutzutage. Als erstes erbat er die kirchliche Erlaubnis zu pilgern bei seinem Priester oder Bischof, dann machte er sein Testament, im Falle er nicht lebend zurückkäme. Er musste versuchen, sich mit allen auszusöhnen, Schulden zu bezahlen, reinen Tisch zu machen. Am Tag des Aufbruchs ging er mit den anderen zur Messe, der Priester erteilte den Pilgersegen und überreichte Pilgerstab und Pilgertasche. Immerhin galt er von nun an durch seinen Status geschützt und wer ihn angriff, beging ein Verbrechen. Er durfte zwar keine Waffe tragen, sich mit dem Stab verteidigen, war aber erlaubt. Was er hatte, sollte er mit den Bedürftigen unterwegs teilen und die mit ihm. Herbergen waren aufgefordert, ihm kostenlos Obdach und eine Speisung zu gewähren, und wenn es gar nicht anders ging, rollte er sich in seinen Pilgermantel, der ihn gegen alle Wetterunbilden schützte, wie auch der Hut. So kommt er, wenn man es recht besieht, dem Pilger von Speyer doch näher, als auf den ersten Blick gedacht.

01

1

Unter dem Sternenweg

Wer in klaren Nächten irgendwo in Europa zum Himmel hinaufschaut, sieht ein leuchtendes Band, das sich von Nordosten nach Südwesten zieht. Was wir heute als einen Arm unserer Galaxis erkennen, war im hohen Mittelalter den Gläubigen ein kosmisches Zeichen, das auf das Grab des Apostels Jakobus hindeutete und gleichzeitig den Pilgern mit seinem Himmelslicht den richtigen Weg wies.
Im „Liber Sancti Jacobi“, nach einem Papst aus dem 12. Jahrhundert auch Codex Calixtinus genannt, erfahren wir, dass der Apostel Jakob wenigstens zwei Mal den langen Weg nach Spanien unternahm. Zusammen mit seinem Bruder Johannes war er einer der engsten Vertrauten Jesu und soll, so sagt es die Geschichte, nach dessen Tod übers Meer gefahren und in Hispanien versucht haben, Menschen für die Frohe Botschaft zu gewinnen. Er scheiterte dramatisch und ging schließlich nach Judäa zurück. Dort geriet er in die erste Christenverfolgung unter König Herodes und wurde, wie die Apostelgeschichte berichtet, um 44 auf dessen Geheiß enthauptet.
Auf der zweiten Reise brachten Freunde Jakobus’ Leichnam dorthin zurück, wo seine Berufung gelegen hatte. Sie bestatteten ihn, aber das Wissen um den Ort ging über die Zeit verloren. Bis, so erzählt es der Codex Calixtinus, eines Nachts in der Ödnis Galiciens ein Einsiedler einen Sternenschauer beobachtete, der auf einem Feld niederging. Pelayo, so hieß der Mann, war beunruhigt und erkundete die Stelle, an der er ein gemauertes Grab entdeckte. Der zuständige Bischof Theodemir ließ an dieser Stelle graben und so wurde das Grab des Apostels wieder gefunden, zum freudigen Erstaunen der Gläubigen in ganz Europa.
Es war damals, um 820, eine schwierige Zeit auf der iberischen Halbinsel. Die wenigen christlichen Reiche im Norden waren permanentem Druck der muslimischen Eroberer ausgesetzt und so kam es, dass ihnen der aufgefundene Jakobus wie ein Retter in der Not erschien: ein strahlender Ritter, wie er in alten Handschriften und hier im ersten Türchen erscheint.