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Die Stralauer Kirche

Als eine der ältesten Berliner Dorfkirchen ist sie mit dem Stralauer Friedhof auch das letzte Zeugnis der einstigen Fischersiedlung. Zu Beginn lebten hier gerade einmal elf Familien und es ist ganz erstaunlich, wie die Kirche in nur fünf Jahren fertiggestellt wurde. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Kirche mehrmals in Mitleidenschaft gezogen, nicht zuletzt durch die fast unausweichlichen Brände, die den hölzernen Kirchturm mehrmals trafen, bis man sich Anfang des 19. Jahrhunderts entschied, dem Elend ein Ende zu machen und den Turm aus solidem Stein neu baute.
Die Substanz war wohl aber nie zerstört, bis kurz vor Kriegsende 1945 durch einen Luftangriff das Kreuzrippengewölbe und eine Wand einstürzten. Ein großes Glück, dass zwei kostbare Glasfenster, die Reste spätgotischer Malerei zeigten, erhalten blieben. Dafür war die Kirche auch Jahre nach dem Wiederaufbau ohne Altar. Das Retabel, das man heute bewundern kann, kam erst in den sechziger Jahren an die Spree. Der Schrein mit den Figuren der Heiligen Ursula und Katharina, die Maria mit dem Jesuskind rahmen, stammt aus einer Dorfkirche bei Finsterwalde, die Flügel aus dem Brandenburger Dom. Ungefähr so alt wie Fischerkirche und Glasfenster, fügt sich der Altar wunderbar in den Kirchraum ein.

Frohe Weihnachten!

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Take a Walk on the Wild Side

Zwei ältere distinguierte Herren, in einem tiefen Kuss versunken, sind vielleicht im heutigen Berlin nichts wirklich Aufregendes mehr. Bis auf den Umstand, dass dieses Bild zur Ikone und eins der bekanntesten Bilder von Berlins berühmtester Open-Air-Galerie wurde. Die Kunstwerke der East Side Gallery sind auf dem heute längsten zusammenhängenden Stück Berliner Mauer gemalt, das sich am Spreeufer zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke hinzieht.
Erster Grund, die im November 1989 gefallene Mauer zu bemalen, war ein Hilferuf des Verbandes Bildender Künstler der DDR, deren Mitgliedern die Aufträge weggebrochen waren. Und so wurde die East Side Gallery ein erstes Projekt, an dem sich auf dem Gebiet des einst weitgehend abgeschotteten Staates mehr als einhundert internationale Künstler beteiligten. Sie malten Kommentare zu den rasanten Veränderungen nach dem Aufbrechen des ehemaligen Ostblocks und Erinnerungen daran, wie das Leben im geteilten Deutschland aussah.
Nicht nur die Witterungsverhältnisse hatten einen, wenn auch den größten, Einfluss auf die Bilder. Einige verschwanden, andere kamen hinzu, und so wurde irgendwann auch eine umfassende Sanierung nötig, obwohl nicht unbedingt jeder der Künstler davon begeistert war. Heute gehört die East Side Gallery zur Stiftung Berliner Mauer, ein bleibendes Zeugnis dafür, wie das einstmals Trennende Ausdruck einer gemeinsamen Erzählung von Ost und West werden konnte.

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Treffpunkt Blumenbeet

Berlin hat viele Rosengärten, auch im Friedrichshain gibt es einen, zwischen Friedensstraße und Frankfurter Tor. Ursprünglich sollte hier ein Kino gebaut werden und als man den Plan aus nicht ganz eindeutigen Gründen im Frühjahr 1953 aufgab, wurden statt dessen Blumenrabatten zu einem kleinen Park angelegt. Ungefähr zur gleichen Zeit schlug die Erhöhung der Arbeitsnormen republikweit ein wie ein Blitz, denn eine Lohnangleichung war für die Beschäftigten nicht vorgesehen.

Dass leise Proteste und Eingaben an den Ministerpräsidenten keine Wirkung hatten, zeigte sich am 15. Juni, als die Löhne ausgezahlt wurden. Die Berliner Bauarbeiter, infolge Materialmangels und schlechter Organisation ohnehin von Arbeitsstockungen und damit Lohnkürzungen getroffen, bestreikten am darauffolgenden Tag die Baustelle am Krankenhaus Friedrichshain. Als sich die Nachricht verbreitete, dass die Streikenden dort festgehalten würden, sammelten sich hinter dem frisch angelegten Park solidarische Kollegen und zogen protestierend zum Haus der Ministerien in der Leipziger Straße. Das war der Auftakt zu dem, was später als Volksaufstand vom 17. Juni in die Geschichte eingehen sollte. Eine Gedenktafel erinnert daran, an einem kleinen Mäuerchen im Rosengarten an der Karl-Marx-Allee.

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Und dann zum Kaspar ins Souterrain

Jeden Nachmittag um 15.30 ging der Vorhang auf im Puppentheater auf der Stalinallee 19. Sonntags war geschlossen, denn das hier war kein Theaterbau, sondern eins der beiden markanten Hochhäuser rechts und links vom Strausberger Platz. Neben den heiß begehrten und großzügigen Wohnungen war auf zwei Etagen ein Kinderkaufhaus untergebracht, zu dem die kleine Bühne im Souterrain ebenso gehörte wie das Kindercafé im dreizehnten Stock, dessen Besuch Eltern nur mit ausdrücklicher Erlaubnis ihrer Kinder gestattet war.

Das „Haus des Kindes“, so der komplette Name, war eins der Prestigeprojekte, mit dem die junge DDR architektonisch und politisch punkten wollte. Hermann Henselmann, Stararchitekt der Stalinallee, hatte auch diesen Bau projektiert. Die Idee, ein Kaufhaus nur für die Bedürfnisse der Jüngsten zu bauen, kam aus Moskau, angeschaut hatte sich Henselmanns Mitarbeiter Rolf Göpfert aber den Ableger in Prag und war beeindruckt.

Café und Puppentheater übernahm man ebenso wie das Angebot von Konfektionswaren über Sportgeräte bis zum Spielzeug. Die Ausstattung des Hauses war so exquisit wie pompös, von den Marmorsäulen am Eingang bis zum geschmiedeten Treppengeländer, dessen schöne Tierfiguren Jahrzehnte später einfach verschwanden. Im sechsten Stock hatte der Chefarchitekt für sich und seine Familie eine eigene Wohnung konzipiert und vielleicht bekamen auch seine Kinder hin und wieder 25 Pfennige in die Hand gedrückt für eine Vorstellung im Souterrain.

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50.000 Taler

Berlin rieche man schon im Umkreis von neun Kilometern, schrieb Carl von Linné 1770 und knapp einhundert Jahre danach hatte sich die Situation nicht wesentlich verbessert. Der Mangel an nicht nur frischem, sondern auch sauberem Trinkwasser, verbunden mit einem nicht vorhandenen Abwassernetz, verursachte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts mehrere große Cholera-Epidemien, vor allem in den ärmsten Bezirken der Stadt. Ohne ein städtisches Klinikum musste der Magistrat immer wieder mit den privaten um die Aufnahme mittelloser Patienten verhandeln, angesichts der rasant steigenden Bevölkerungszahlen konnte man die Errichtung eines Klinikums aber nicht mehr auf die lange Bank schieben. Auf Initiative des Arztes Rudolf Virchow und des Stadtpolitikers Heinrich Kochhann wurde ein Grundstück im Volkspark Friedrichshain gewählt und die Architekten Martin Gropius und Heino Schmieden beauftragt. Ohne die Stiftung von 50.000 Talern des aus einer hugenottischen Familie stammenden Jean Jacques Fasquel hätte sich das Vorhaben wahrscheinlich noch eine Weile hingezogen, seine Bedingung der Grundsteinlegung binnen fünf Jahren gab allem einen zusätzlichen Schub. Im Oktober 1874 konnte Berlins erstes städtisches Klinikum eröffnet werden, bewacht von einem freundlichen Engel, der den Eintretenden auch heute noch Heil und Gesundheit wünscht.

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Berauschendes Brot

In Mesopotamien, vor vielleicht zehntausend Jahren, stand einmal ein Brotteig zu lange in der Wärme und vergor. Der Bäcker kostete, ob er ihn vielleicht doch noch retten konnte, und kam auf den Geschmack. Manchmal ist es so einfach.
Dem Zufall wurde bald nichts mehr überlassen und auch in anderen Gegenden der Welt rührten Menschen in der duftenden Maische. So tranken Chinesen Reisbier, Äthiopier vergoren Hirse und die Inkas Mais. Gemeinsam war allen, dass es nährte, berauschte und neben dem guten Geschmack ein mehr als brauchbarer Ersatz für unreines, krankmachendes Wasser war.
Im Europa des Mittelalters war das Brauen zuerst Frauensache, es kam zu jeder Mahlzeit auf den Tisch. Besonders in Klöstern experimentierte man viel, denn während der Fastenzeit, in der vieles zu essen verboten war, versprach Bier Geschmack und vor allem Kalorien. Und Hildegard von Bingen empfahl für die Heilung verschiedenster Krankheiten: „Man trinke Bier!“
Heute schaut man nicht mehr auf Heilung oder Nahrung, man liebt es, traditionell oder degustiert. Und auch wenn alte Brauereien wie die Patzenhofer oder das Böhmische Brauhaus im Laufe der Zeit ihren Daseinszweck geändert haben, wird Bier in Friedrichshain gebraut und vor allem ausgeschenkt.

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Tanztempel Berlin

Gesellschaftliche Umbrüche kündigten sich schon Jahre vor den politischen Eruptionen des 20. Jahrhunderts an. Über als verkrustet empfundene künstlerische Formen fuhr in fast allen Bereichen ein Sturm hinweg, auch in Berlin, das schon während der Kaiserzeit eine hochmoderne Stadt war, was man heute gerne vergisst.

Auch im Tanztheater etablierten sich damals neue, viel freiere Formen, der Ausdruckstanz hieß im anglo-amerikanischen Sprachraum gar „German Dance“. Eine der ersten Protagonistinnen war Isadora Duncan. Sie kam aus den USA über London und Paris nach Berlin und gründete dort 1904 eine Tanzschule der ganz neuen Art. Mary Wigman, Gret Palucca und andere folgten, eine der extremsten, die Nacktänzerin Anita Berber, wurde später zum Gesicht der Stadt in der Weimarer Republik.

Nach den Unterbrechungen durch Krieg und Aufbaujahre fanden die Entwicklungen im Modernen Tanz eher in Brüssel, Frankfurt und Wuppertal statt. Die neue Situation nach der Wende, die wie ein Katalysator aufregende Künstler nach Berlin zog, ließ auch interessante Locations wie das Tacheles und die Sophiensäle entstehen. Schon hier war die Tänzerin und Choreographin Sasha Waltz dabei, die später auch das Radialsystem in der Holzmarktstraße mitbegründete. Das ehemalige Abwasserpumpwerk aus der Gründerzeit ist heute als sujetübergreifendes Kulturzentrum ein Zuhause für vieles. Für die Sasha Waltz Kompanie sowieso.

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Das Café „Sibylle“

Wer auf den Gedanken kam, das 1953 eröffnete Café auf der Stalinallee 72 ausgerechnet Milchtrinkhalle zu taufen, ist nicht überliefert. Ein seltsam gesichtsloser Name für ein Etablissement auf dem neuen Prachtboulevard, aber wenigstens zeigte man einige Jahre später Einsicht. „Sibylle“ hieß der beliebte Treffpunkt nun, nach der innovativen Frauenzeitschrift, die so aufregend gemacht und vom Publikum begehrt war, dass sie schnell den inoffiziellen Titel „Ost-Vogue“ erhielt. Ob sich schon vor der Umbenennung Redakteure, Fotografen und Models in der Milchbar trafen, ist heute nicht mehr wichtig, durch Flair und Geschichte waren Magazin und Café aber verbunden.

Die Wende kam über beide Institutionen gleichermaßen, das „Sibylle“ schloss und auch das Magazin musste nach ein paar noch sehr erfolgreichen Jahren schließlich aufgeben. Einige ihrer bekanntesten Fotografen, wie Sibylle Bergemann und Ute und Werner Mahler, haben 1990 die Bildagentur Ostkreuz mitbegründet. Und auch das Café unter dem markanten gelben Schriftzug ist heute wieder eine etablierte Adresse im Friedrichshain. Neben einer Ausstellung zur Stalinallee bietet es Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen an und auch der einst so beliebte Schweden-Eisbecher ist wieder zu haben.

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Ostkreuz, bitte umsteigen!

Die Geschichte des Aufstiegs Berlins zu einer modernen Metropole ist eng mit der Industrialisierung und der Entwicklung der Eisenbahn verbunden. Premiere hatte das neue Verkehrsmittel 1804 in Wales, es dauerte aber eine geraume Weile, ehe sich das neue Verkehrsmittel gegen Widerstände von verschiedensten Seiten durchsetzte.
In Berlin wurde 1838 die preußische Regierung aufgefordert, den Bau von Eisenbahn und Schienennetz in den Blick zu nehmen. Nachdem erste Strecken die Stadt in alle Himmelsrichtungen verließen, war man überzeugt von der Effizienz und begann mit der Stadtbahn die einzelnen Bahnhöfe und Bezirke zu verbinden.
Mit der Eröffnung der Ringbahn in den 1870er Jahre entstand auch ein Eisenbahnkreuzungspunkt im Osten. Eine direkte Haltestelle gab es noch nicht, das änderte sich mit dem Bau des Bahnhofs Stralau-Rummelsburg an der Grenze zwischen den heutigen Bezirken Friedrichshain und Lichtenberg. Er wurde unter dem Namen Ostkreuz zum wichtigsten Umsteigebahnhof der Hauptstadt, auch wenn nach verschiedenen Umbauten von der alten Substanz kaum etwas geblieben ist. Der markante Wasserturm mit seiner schiefergedeckten Haube gehört dazu, kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs vollendet und mit 400 Kubikmetern Fassungsvermögen für die Versorgung der Dampflokomotiven ausgestattet. Die dunkelvioletten Kacheln, mit denen er verkleidet ist, dienten übrigens als Schutz vor dem Ruß, geben ihm aber auch einen ganz eigenen Reiz.

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Die Glocke im Park

Spaziert man durch den Volkspark Friedrichshain zum Großen Teich, steht man unvermittelt vor einem kleinen japanischen Tempel: ein geschwungenes Pagodendach, getragen von roten Holzsäulen, darunter eine einfache Glocke. Dass sie fast vierhundert Kilo schwer ist, sieht man ihr gar nicht an. Tritt man näher, kann man auf einem Schriftband das Wort Frieden lesen, in deutsch und japanisch. Friedensglocken gibt es mittlerweile auf der ganzen Welt. Die erste wurde erdacht von Chiyoji Nakagawa, einem Japaner, der 1942 und als einziger Soldat seines Regiments eine Schlacht in Burma überlebte, allein, bewusstlos, in einem Glockenturm.
Nach dem Krieg vertrat er 1951 sein Land bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen in Paris. Er versprach, eine Friedensglocke zu konstruieren, und bat Menschen aus aller Welt, Münzen dafür zu spenden. Aus 65 Ländern trafen Sendungen ein, sogar der Vatikan schickte goldene, mit einem Bild der Jungfrau Maria und ihrem Sohn. Die aus tausenden Münzen gegossene Glocke wurde am Hauptquartier der UN in New York aufgestellt und Nakagawa gründete bald darauf die World Peace Bell Association, die 1989 auch eine Glocke an Berlin gab. Jedes Jahr am 6. August, dem Tag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima, wird sie mit einem langen hölzernen Klöppel angeschlagen.

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Die Galerie vom Helsingforser Platz

Als man 1985 den Plattenbau errichtete, war die Galerie schon eingeplant; keine Idee der Ostberliner Stadtoberen, sondern zweier freier Fotografen: Kunstwissenschaftler Ralf Herzig und Kurator Ulrich Domröse. Deren Intention war, einen Ausstellungsort für ausschließlich fotografische Kunst zu schaffen, gab es doch bis dahin landesweit weder eine solche Galerie noch ein entsprechendes Museum. Als sich nach langwierigen Verhandlungen um Genehmigung und Konzeption die Türen endlich öffneten, war Ralf Herzig, der alles bis ins kleinste Detail eingerichtet und begleitet hatte, schon nicht mehr dabei. Auch Ulrich Domröse verließ die Galerie bald darauf. Ideologischen Forderungen wie einem Parteieintritt und Einmischung staatlicher Stellen bei Ausstellungskonzeptionen wollte sich weder der eine noch der andere beugen.

Ungeachtet dessen erregte die Galerie sofort überwältigendes Interesse. Über die Möglichkeit der Werkpräsentation hinaus war das ein begeistert angenommener Ort der Interaktion zwischen Publikum und Fotografen. Der Katalog heimischer und internationaler Namen, die hier ausstellten, wäre legendär, und zum Glück haben Ort, Intention und Interesse alle Brüche seither überstanden.

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Die Große Sozialistische Magistrale

Prächtig sollte sie werden, überwältigen und mehr als ein Ersatz sein für die stattlichen Bürgerhäuser, von denen die im Krieg zerstörte Große Frankfurter Straße gesäumt war. Während die Ostberliner Regierung im Jahr 1950 eine Delegation nach Moskau schickte, um den neuen sozialistischen Städtebau zu studieren, begann in Berlin, und das geht in der Erinnerung oft unter, eine gigantische Recycling-Aktion. Betrachtet man die Zahlen, ist kaum fassbar, welche ungeheuren Massen an Ziegeln, Stahl und Schutt bewegt wurden. Um die 45.000 Freiwillige leisteten vier Millionen Arbeitsstunden. Am Ende wurden aus den Ruinen allein 38 Millionen Ziegelsteine und 1.000 Tonnen Stahl für den Wiederaufbau gewonnen.

Frühere Vorschläge von Architekten wie Hans Scharoun und Hermann Henselmann, an die Tradition des Bauhauses anzuknüpfen, wurden von sowjetischer Seite deutlich abgelehnt und mussten überdacht werden. Am Ende entschied man sich, den sozialistischen Klassizismus Moskauer Prägung mit dem der Schinkelschen Schule zu kombinieren. Henselmann bezog sich mit seinen Turmbauten am Frankfurter Tor auf den Deutschen und Französischen Dom und auch die Verwendung von griechischen Säulen, Giebeln, Friesen und ornamentalen Zitaten wie der hier abgebildeten Palmette knüpfte an den preußischen Klassizismus an. Auch wenn die Materialien über die Zeit oft nicht hielten, was sie versprachen, und über den Zuckerbäckerstil Häme von allen möglichen Seiten ausgekippt wurde, hatte man im Rückblick und im Vergleich mit späterer Plattenbau-Architektur eine glückliche Hand.

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Verschwundene Welten

Einkaufspaläste und Kathedralen des Kommerz nannte man halb ironisch, halb bewundernd die großen Warenhäuser, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Boden schossen. Mit der Industrialisierung und dem rasanten Wachsen der Städte wurde plötzlich eine ganz andere Art der Versorgung nötig und wer schnell war und eine zündende Idee hatte, konnte bald erfolgreich expandieren.
Einer von ihnen war Oscar Tietz. Er stammte aus einer weitverzweigten Familie jüdischer Kaufleute aus der Provinz Posen und konnte sich mit finanzieller Hilfe seines Onkels 1882 ein erstes Geschäft in Gera aufbauen. Sein Verkaufskonzept war neu, wobei geholfen haben mag, dass der Onkel zwei Jahrzehnte wirtschaftliche Erfahrungen in Nordamerika gesammelt hatte. Aus Dankbarkeit nannte der Neffe seine Firma nach ihm „Hermann Tietz OHG“.

Überaus erfolgreich expandierte Oscar Tietz über München, wo er sein erstes Kaufhaus betrieb und sensationell ausstattete, nach Hamburg und schließlich Berlin. Hier öffnete zum Jahrhundertwechsel das „Warenhaus Hermann Tietz“ auf der Leipziger Straße. Die Konkurrenz war groß und man überbot sich mit prachtvoller Architektur, innen wie außen, einem breitgefassten Sortiment und jeder innovativen Neuerung, die zu haben war. Nach dem großen Bau am Alexanderplatz 1905 bekam drei Jahre später Friedrichshain sein „Hermann Tietz“, auf der Frankfurter Allee 5-7. Oscar starb 1927 und musste Umbenennung und Arisierung der Firma nach 1933 nicht mehr miterleben. Wie so vieles überstand auch das nunmehr Hertie genannte Kaufhaus auf der Frankfurter den Krieg nicht.

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Der Samariter vom Friedrichshain

Wilhelm Harnisch, evangelischer Pfarrer aus dem Anhaltinischen, ging 1931 nach Berlin und an die Samariterkirche, da war er Mitte Vierzig. Durch die Weltwirtschaftskrise waren fast 40% der Friedrichshainer ohne Arbeit und so übernahm Harnisch angesichts der Not schon im Jahr seines Dienstbeginns einen Erwerbslosenladen in der heutigen Bänschstraße. Anfangs richtete er eine Armenspeisung ein, im Laufe der Zeit baute er den Laden zu einem Begegnungsort für Erwerbslose um, unter großem Missfallen seiner Amtsbrüder. Das verschlimmerte sich nach der Machtübernahme der Nazis, als Harnisch in seinem Laden die Pressestelle des Pfarrernotbundes betrieb und Mitbegründer der Bekennenden Kirche wurde. Denunziert und mehrfach verhaftet, wurde er sogar entlassen, die Proteste seiner Gemeinde waren jedoch so vehement, dass man ihn wieder einstellte.
Die ihn kannten, schilderten ihn als zutiefst gütigen Menschen mit einem Ohr für jeden und der Fähigkeit, Probleme unkompliziert und mit großer Improvisationsgabe zu lösen. Berühmt wurde ein Foto, das ihn fröhlich lächelnd in seiner Cyclonette zeigt, einem komfortablen, motorisierten Dreirad, hergestellt von der Cyclon Maschinenfabrik auf der Boxhagener Straße.
Harnisch überstand den Krieg und bewältigte die schlimmen Nachkriegsjahre mit der gleichen zupackenden Art wie zuvor. Kein Wunder, dass dieser Mann, dem es nicht um Ideologie, sondern um Menschen ging, den Gewaltigen der DDR bald zuviel wurde. Sie entließen ihn 1953 und er verließ das Land, das ihn nicht mehr haben wollte.

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Ein nicht mehr langer Jammer

Mit der Bevölkerungsexplosion in der Mitte des 19. Jahrhunderts sollte zur Versorgung von ganz Berlin ein zentraler Schlachthof gebaut werden, auch, um die unsäglichen hygienischen Zustände in den vielen kleinen Hinterhofschlachtereien zu beenden. Also kaufte die Stadt im Herbst 1876 Gelände in der Lichtenberger Feldmark und konnte schon knappe fünf Jahre später den „Central-Vieh- und Schlachthof“ eröffnen, mit einem Verladebahnhof für die Tiere nahebei. Auch die Ringbahn betrieb dort eine Haltestelle, passend Zentralviehhof genannt. Arbeiter, die hier ausstiegen, konnten über eine hundert Meter lange Holzbrücke die Gleise des Verladebahnhofs queren.

Je weiter sich die Vorstadt über die alten Stadtgrenzen hinaus ausbreitete, desto dringlicher wurde ein neuer Übergang, damit die Bewohner der neuen Wohnviertel nicht über das Schlachtgelände laufen mussten. Ab 1937 baute man daher eine stählerne Konstruktion auf 22 Stützen, die an einer Stelle sogar in das Dach eines der Ställe gesetzt wurden. Ein Treppenturm in typischem Backstein vervollständigte das Ensemble, von den Berlinern bald „Langer Jammer“ getauft. Im Krieg zerstört, baute man die Brücke wieder auf, verlängerte sie bis auf 505 m nach Lichtenberg und machte sie so für eine Zeitlang zur längsten Fußgängerbrücke Europas. Mit Schließung des Schlachthofs 1991 und erheblichen Abrissen zwölf Jahre später erinnern nur noch reichlich hundert Meter Reststrecke am heutigen S-Bahn-Halt Storkower Straße an ein Stück ehemaliger Industriegeschichte.

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Nah am Wasser gebaut

Eine Stadt ist erst wirklich schön, wenn sie am Wasser liegt, hat einmal jemand gesagt. Berlin war auf diesem Gebiet noch nie in Not, im Gegenteil. Mit seinen Flüssen, Kanälen und Seen, zusammengenommen fast 59 Quadratkilometer Oberflächenmaß, ist es ganz klar eine Wasserstadt. Dabei sind es nicht nur die großen Flüsse wie Havel und Spree, die die Stadt und manchmal einen See durchqueren, zu den kleineren wie Dahme oder Panke gesellen sich auch unzählige Kanäle. Ganz überraschend ist die Zahl der Brücken, fast tausend werden aktuell gezählt, mehr als in Amsterdam, darunter die bekannteste, die Oberbaumbrücke von Friedrichshain nach Kreuzberg.
Längs der Spreeufer etablierten sich im 19. Jahrhundert zahlreiche Badeanstalten, das Wasser war hier, in der Nähe der Stadtgrenze, von guter Qualität und der Berliner hatte genügend Platz, um ins Wasser zu gehen, zum Schwimmen und Plantschen natürlich. Nach der Gründung des ersten städtischen Ruderclubs 1880 stand dessen Bootshaus fast zwanzig Jahre lang nahe der Oberbaumbrücke am Stralauer Tor. Hier fand an einem frühen Junimorgen 1962 ein spektakulärer Fluchtversuch statt, als junge Ostberliner, ein Baby war auch dabei, mit dem Ausflugsdampfer „Friedrich Wolf“ beidrehten und unter dem Kugelhagel der DDR-Grenzer ans westliche Ufer flüchten. Heute kommt man mit dem Dampfer wieder überall hin, ganz grenzenlos. Wie schön, dass Berlin am Wasser liegt.

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Subkulturelle Melancholien

Es gab eine Zeit, da stand er für das Berghain und das Berghain stand für die weltweit gehypte Berliner Clubszene. Aber wie immer war es nicht so einfach.
Sven Marquardt, ganz echt aus Ostberlin, gehörte in den 1980er Jahren zur Punk-Szene, machte eine Ausbildung als Fotograf bei der DEFA und kam durch seine Zusammenarbeit mit dem Sohn der bekannten Fotografin Helga Paris zur Modefotografie und zur Zeitschrift „Sibylle“. Schon hier kreuzten sich zwei unterschiedliche Milieus, inszenierte (nicht nur) er diese exklusive DDR-Couture in wilden Locations, Abbruchhäusern, Lost Places und dem, was man heute Industriekultur nennt. Als die Wende kam, hörte er zu fotografieren auf und arbeitete als Türsteher für Techno-Clubs, die überall in Ostberlin aus dem Boden schossen. Eins war das Ostgut, das sich nach verschiedenen Locations Anfang der 2000er als Berghain im Heizkraftwerk Friedrichshain neu erfand.
Schon davor hatte Marquardt wieder angefangen, mit der Kamera zu arbeiten, zeigte seine melancholischen, sinnlichen Fotografien in Ausstellungen rund um den Globus und hatte eine Fotoklasse an der Ostkreuzschule in Weißensee. Sein striktes „Heute leider nicht“ vor der Clubtür in Friedrichshain kann der Berghain-Besucher allerdings immer noch hören.

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Der Fisch im Wappen

Während Berlin und Kölln von langer Kaufmannshand geplante Ortsgründungen waren, siedelten auf einer Halbinsel am Rummelsburger See schon Jahrhunderte zuvor slawische Fischer. Sie nannten ihr Dorf Strala, denn wie ein Pfeil ragt das Stückchen Land ins Wasser, aus dem sie Nahrung und Unterhalt gewannen. Elf Familien wohnten hier, bauten eine Kirche und feierten jedes Jahr am 24. August, dem Gedenktag des Hl. Bartholomäus, Schutzpatron aller Fischer und ihres Gotteshauses, eine Kirmes.
Als Kurfürst Johann Georg 1554 bestimmte, dass just an diesem Tag in Brandenburg das Anfischen beginnen durfte, entwickelte sich die Kirmes zu einem für die ganze Umgebung beliebten Ereignis: dem Stralauer Fischzug. Das lag auch daran, dass die Berliner die schön gelegene Halbinsel als Ausflugsmöglichkeit entdeckten. Manche ließen sich hier Sommerhäuser bauen und neugierige Hohenzollern bis hin zum König besuchten im 19. Jahrhundert Dorf und Fest. Jeder Fischer machte einen Ausschank auf und oft ging es hoch her. Saufgelage, Schlägereien und Zusammenrottungen rund um den Fischzug führten 1873 zu seinem Ende, auch wenn es immer wieder Wiederbelebungsversuche gab. Heute ist Alt-Stralau eine ruhige Insel im Berliner Getöse, an der manchmal das Echo der Vergangenheit vom Wasser heraufweht.

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Hänsel und Gretel im Bade

Am Anfang stand, zumindest für den Volkspark Friedrichshain, der Altmeister der preußischen Gartenkunst, Peter Joseph Lenné. In seinem Plan für ganz Berlin und dessen Umgebung findet sich die Idee eines Gegenstücks zum Tiergarten, geplant zwischen Königs- und Landsberger Tor.
Es dauerte noch eine Weile, aber zur einhundertsten Wiederkehr der Thronbesteigung Friedrichs des Großen beschlossen die Stadtverordneten im Jahr 1840 , dass es einen öffentlichen Park im Berliner Osten geben sollte. Auch wenn der erste Spatenstich schon sechs Jahre später erfolgte, entstand die schönste Anlage im nunmehrigen Volkspark Friedrichshain erst nach der Jahrhundertwende: der Märchenbrunnen. Stadtbaurat Ludwig Hoffmann entwarf ihn als Geschenk vor allem für die erholungsbedürftigen Kinder der Berliner Arbeiterviertel, die von der Bevölkerung umjubelte Einweihung fand kurz vor Beginn des ersten Weltkriegs statt.

Statt von wilhelminischem Prunk ließ sich Hoffmann von frühbarocken Wasserspielen inspirieren, die er während seiner Reisen im italienischen Frascati studiert hatte. Insgesamt 106 Skulpturen, darunter Schneewittchen, Dornröschen und die beiden Knusperkinder, aber auch Heerscharen von Fröschen, Kröten und anderen Tieren tummeln sich rund um die Fontänen, im fröhlichsten Wassertheater von Berlin.

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Theater, Theater

In einem Ausriss aus dem Berliner Adressbuch von 1930 sind mehr als vierzig Theater aufgeführt, von Bendows Bunter Bühne bis Zentral-Theater. Unter dem Buchstaben R findet sich das heute vergessene Rose-Theater auf der Großen Frankfurter Straße 132.
Bernhard Rose kam mit seinen Eltern aus der Priegnitz nach Berlin, wurde Schriftsetzer, Mitglied eines Theatervereins und gründete 1890 sein erstes Ensemble. In der Badstraße im Wedding bespielte er bald ein Restaurationstheater mit Schankbetrieb, wo das Publikum während der Vorstellung an gedeckten Tischen saß und essen, trinken und sogar rauchen konnte. Der Erfolg war groß und so kaufte Rose 1906 das Ostend-Theater auf der Großen Frankfurter, mit großem Saal und schönem Garten, den die Zuschauer aus den engen Mietskasernen schon am Nachmittag mit eigens mitgebrachter Verpflegung bevölkerten.
Gegeben wurde anspruchsvolle Unterhaltung neben den Klassikern Volksstücke, aber auch Revuen und Operetten. Das Stammpublikum blieb dem Theater treu, auch nach Roses Tod 1927, als seine Söhne den Betrieb bis zur kriegsbedingten Schließung im Herbst 1944 weiterführten.
Das Ende kam, als Rotarmisten kurz vor der Kapitulation meinten, ein Waffenlager entdeckt zu haben und alles in Brand setzten. Danach waren Wohnungen wichtiger als ein Theater. Eine Tafel an der Karl-Marx-Allee 78 erinnert heute an Rose und sein Haus.

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Der junge Wilde

Marx in Berlin? Aber sicher doch, wird einem jeder sagen, schließlich sitzt er seit Jahrzehnten auf seinem Sockel in Mitte. (Dass Engels daneben stehen muss, ist eine andere Geschichte.)
Doch er war auch in persona hier, fünf ganze Jahre. Zu wild hatte der Achtzehnjährige es an der Bonner Universität getrieben, so dass der Vater ihn nach Berlin schickt, mit der Postkutsche, im Oktober 1836. Ruhig wird es nicht um ihn, auch eine Anzeige wegen „Straßenexcessen“ fängt er sich, für die ein Freund den Kopf hinhält. Aber er studiert, sehnt sich nach seiner Verlobten und kuriert ein Jahr später beim Wirt Gottlieb Köhler in Stralau die Folgen einer Tuberkulose aus.

In Berlin kommt er mit dem Linkshegelianismus in Kontakt, ist fasziniert und wechselt prompt zur Philosophie. Die Dissertation schickt er 1841 dann aber lieber nach Jena, wegen der viel niedrigeren Gebühren und des fortschrittlicheren Lehrstuhls. Dass man ihm in der deutschen Hauptstadt Denkmäler erbauen wird, war da noch nicht abzusehen. In Friedrichshain steht auch eins, eine Bronzebüste am Strausberger Platz, geschaffen vom Bildhauer Will Lammert und 1983 aufgestellt, recht passend zur vorbeilaufenden Karl-Marx-Allee.

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Rote Koexistenz

Die Oberbaumbrücke verbindet den Friedrichshain mit Kreuzberg und war lange Teil der oft tödlichen Grenze zwischen Ost- und Westberlin.
Zuvor aber versperrten an dieser Stelle, auf Höhe der alten Berliner Stadtmauer, begehbare Holzstege die Spree. Der schmale Durchlass in der Mitte wurde jede Nacht mit einem dicken Stamm verschlossen, der zur besseren Abwehr mit vielen Nägeln gespickt war. Man nannte ihn den „Oberbaum“, weil es am anderen Ende der Stadt noch einen gab. Die ganze Angelegenheit diente zur Erhebung von Zöllen, denen der damalige Mensch an jeder erdenkbaren Ecke ausgesetzt war.
Dem Verkehr nicht mehr gewachsen, wurde nach mehreren hölzernen Zwischenmodellen ab 1894 eine stabile, neogotische Gewölbebrücke gebaut. Zwei Türme rahmen den mittleren Bogen, einem Turm der Stadtmauer von Prenzlau nachempfunden und aus typisch roten Ziegeln wie dieser gebaut. Bär und Adler, die Wappentiere Berlins und Brandenburgs, schauen ganz friedlich von den Turmspitzen auf die wieder vereinte Stadt.

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Mehr Licht!

Abends verbreiten sanft schimmernde Straßenlaternen ein Gefühl von Wärme und Schutz, erst recht im Advent. Als 1951 auf dem Gebiet zwischen Alexanderplatz und Frankfurter Tor die erste sozialistische Straße der gerade gegründeten DDR projektiert wurde, waren Gedanken an die Beleuchtung vielleicht erst einmal nachrangig. Das zuerst Stalinallee genannte Prestigeprojekt hatte enorme Ausmaße, es sollte ein Prachtboulevard mit Flanierpotential sein, zugleich ausgelegt für Demonstrationen, Aufmärsche und große Paraden. Die Melange aus Sozialistischem Klassizismus à la Moskau und preußischer Schinkelschule, für die man sich entschied, hielt dem Berliner Gigantismus stand; eine adäquate, moderne Beleuchtung wurde beim Architekten und ehemaligen Gropius-Assistenten Richard Paulick in Auftrag gegeben und die ersten der 215 Leuchten Ende 1952 montiert. Als Doppel- und Vierfachkandelaber akzentuieren sie heute noch die bald nach Karl Marx umbenannte Allee.